„Alle anders – alle gleich“
Kyamil Topchi – Schauspieler aus einem „Menschenland

Kyamil Topchi

Im Tosen des 11. Nachtwandels verschaffte sich Kyamil Topchi von einem ungewöhnlichen Ort aus Gehör: Er stand im Fensterrahmen eines Wohnhauses in der Kirchstraße und konfrontierte sein Publikum mit den „neun Höllenkreisen Europas“ und der Suche nach dem Paradies. Den Kopf im Nacken stand man in der Dunkelheit, schaute und hörte dem jungen Mann zu und sah vor dem inneren Auge unzählige Menschen aus den Höllen unserer Zeit kommend nach einem menschenwürdigeren Leben suchen.

Schauspieler gegen den Willen der Eltern

Kyamil Topchi wurde 1985 in Ardino im Süden Bulgariens geboren. Von dort bis zu seinem Auftritt in einem erleuchteten Fenster im Jungbusch war es ein langer, anstrengender Weg.

Seitdem er denken kann, wollte er nur eins: Schauspieler werden. Als Kind imitierte er Charly Chaplin, wollte zur Musikschule gehen, was ihm die Eltern verboten; Schauspieler seien „komische Leute“ und die Musik eine „brotlose Kunst“. Stattdessen schickten sie ihn auf ein Fachgymnasium für Elektrotechnik,„wo ich mich vier Jahre langweilte.“ Er nahm Klavierunterricht, musste diesen abbrechen,weil der Vater dagegen war. Nach der Schule wollte er zur Theaterakademie. Da der Vater auch diesmal wieder sein Veto einlegte, studierte er bulgarische, englische und türkische Philologie. Parallel zum Studium

spielte er sechs Jahre lang am Stadttheater von Kardzhali, seinem Studienort. Anschließend studierte er Theaterregie in Plovdiv, führte Regie und spielte u.a. in Harald Pintor- Stücken in Plovdiv und Sofia. Dann – Cut!

Mannheim – „ein bunter Blumenstrauß“

Im Oktober 2011 verließ er Bulgarien „wegen der tiefen ökonomischen Krise, der desolaten politischen Situation, der deprimierenden Aussichtslosigkeit“. Er zog zu seiner Schwester nach Ludwigshafen, wenig später nach Mannheim – und staunte über diese Stadt, die ihm mit ihren vielen unterschiedlichen Nationalitäten, Sprachen und Gesichtern wie ein „bunter Blumenstrauß“ vorkam.

Er jobbte als Kellner und Verkäufer und hatte nur ein Verlangen: wieder als Schauspieler zu arbeiten. Auf der Suche nach Theaterleuten traf er den Filmemacher Mario Di Carlo, der ihn an die Theaterpädagogin Lisa Massetti im Jungbusch verwies. Diese sagte ihm: „Deutsch lernen!“ Er quittierte seine Jobs, belegte Deutschkurse und hatte im Januar 2014 seinen ersten Auftritt in Deutschland, an der Mannheimer Abendakademie: der mit Lisa Massetti einstudierte Monolog „Apropos… Die neun Höllenkreise Europas“, geschrieben von der bulgarischen Autorin Bozhidara Angelova. Seitdem hat er den Monolog etliche Male an verschiedenen Orten in Mannheim aufgeführt. Es war ein erster Durchbruch. Denn wenig später bot ihm Hansgünther Heyme, Intendant des Pfalzbaus Ludwigshafen, eine Hospitanz und im Anschluss drei Rollen im „Gilgamesch“ an. Kyamil Topchi ist glücklich: „Ich bin seitdem in meinem Beruf wieder zu Hause.“

Eine traumhafte Vision

Trotzdem ist er noch lange nicht am Ziel. Er wünscht sich, dass irgendwann Herkunftsländer, Religionen, ethnische Zugehörigkeiten keine Rolle mehr spielen und der Mensch sich stattdessen an einem Ort namens „Menschenland“ zu Hause fühlt. Der Titel einer seiner szenischen Lesungen lautet: „Alle anders – alle gleich“. Das ist mehr als ein Titel, es ist sein Anspruch an die Kultur. Und wenn er sagt „Wir haben einen Gott, ein Leben,

einen Raum, eine Zeit, eine Sonne“, klingt das einfach traumhaft – traumhaft einfach.

Nadja Encke

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